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Karl Heinz Bohrer
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HUMANITIES AT STANFORD
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KARL HEINZ BOHRER ON...

Bohrer Portrait Excerpts have been taken from Bohrer's writings on the following subjects:

  1. Modernism(s)
  2. The Absolute Present
  3. "The Farewell": Charles Baudelaire vs. Walter Benjamin
  4. Secularization/Nihilism
  5. Aesthetic Individualism and Political Ideology
  6. Germany



1) Moderism(s)


"Diese Wiederentdeckung [der Romantik im frühen 20. Jahrhundert] steht im Zeichen einer modernen Ästhetik und Bewußtseinsanalyse. Ihre Grundthese lautet: Romantik ist Moderne. Was ist diese moderne Ästhetik und Bewußtseinsanalyse nicht? Sie ist nicht politische und philosophische Kritik, die die Romantikkritik des 19. und 20. Jahrhunderts ausgezeichnet hatte. Die bedeutenden Philosophen, Historiker und Soziologen haben die Romantik hundert Jahre lang negativ bestimmt under dem Kriterium ihres eigenen Wirklichkeits- und Wahrheitsbegriffs: so Hegel, Kierkegaard, Carl Schmitt, Lukács, partiell auch Max Weber. Sie haben, wie wir sehen werden, gerade das Romantisch-Ästhetische und das Romantisch-Bewußtseinsanalytische negativ gegenüber dem Ethischen, dem Logischen, dem Politischen als den Bestimmungsmerkmalen ihres Realitätsbegriffs ausgegrenzt: nämlich als unethisch, unlogisch, unpolitisch, d.h. als unwirklich. Die Kulturwissenschaften des 20. Jahrhunderts haben diese Linie fortgesetzt, sofern sie in marxistischen oder soziologisch-politologischen Begriffen dachten. Von Max Weber über Lukács bis Habermas gilt dies."

From: Die Kritik der Romantik: Der Verdacht der Philosophie gegen die literarische Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989, p. 23. ©1989, Suhrkamp Verlag.


"Alle Geschichten über den Menschen haben ihr Ursprungsmärchen in finaler Absicht. Der moderne Mensch beginnt laut solcher Geschichtsbücher in der Renaissance und endet irgendwann in der Zukunft, die bis vor kurzem noch nicht abgeschlossen schien. Alle theoretischen Geschichten über den Menschen behandeln ihn als eine Einheit, deren besondere Eigenschaften als Ausdifferenzierung verfolgt werden können, die aber nie die Identität mit der Einheir verliert. Subjektivität, das Kriterium der Moderne, ist demnach immer eine soziale Kategorie, under der man die Emanzipation der westeuropäischen bürgerlichen Intelligenz von religiöser und politischer Autorität verstanden hat. Das impliziert auch, daß die Subjektivität von Kunst und Literatur repräsentativ für diesen Emanzipationsprozeß genommen werden kann: Dichter und Maler dokumentieren nach dieser geläufigen sozialwissenschaftlichen Lesart den Prozeß der Emanzipation, das Pathos der modernen Subjektivität wird also ein Dokument des Verlusts an Traditionsbezug affirmativ oder kritisch gelesen. Das Konzept des bürgerlichen Subjekts ist dann identisch mit dem von künstlerischen Subjektivität."
From: Der romantische Brief: Die Entstehung ästhetischer Subjektivität. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989, p. 11. ©1987, Carl Hanser Verlag.


2) The Absolute Present

"The essays in this volume share a common inquiry: To what extent can the boundary between the aesthetic and the nonaesthetic phenomenon be represented by means of the temporal modality of 'suddenness'? Suddenness is understood here as an expression and a sign of discontinuity and nonidentity, as whatever resists aesthetic integration. It is significant enough that representative authors of the nineteenth and twentieth centuries, to the extent that they themselves reflected art and stood outside the sphere of influence of German idealism, repeatedly hit upon the concept and image of suddenness. But that addresses only half the question... The second half contains the actual problem: To what extent can an interest in aesthetic constructs lead not merely to historical but also to systematic insights into an incommensurability in the structure of fictional language by analyzing the temporal modality of the sudden?"

From: Suddenness: On the Moment of Aesthetic Appearance. New York: Columbia Press, 1994, p. vii. ©1994, Columbia University Press.


"Zeitlosigkeit im Sinne eines kontemplativen Akts absoluter, partiell unbewußter, jedenfalls nicht ich -- geleiteter Vergegenwärtigung von Zuständen, Vorstellungsbildern, Wahrnehmungsgegeständen ist, so haben wir gesehen, die gemeinsame Konstante der Augenblicks -- Metapher innerhalb der Literatur der klassischen Moderne... Indes ist diese Einsicht in die Struktur des modernen imaginativen Bewußtseins seit Hegels Kritik der Romantik und der anschließenden Historisierung ästhetischer Phänomene, die bis heute andauert, sehr erschwert worden."
From: "Zeit und Imagination: Das absolute Präsens der Literatur," in: Das absolute Präsens: Die Semantik ästhetischer Zeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1994, p. 176. ©1994, Suhrkamp Verlag.


3) "The Farewell": Charles Baudelaire vs. Walter Benjamin

"Wenn Baudelaires Werk zum modernen Fokus des Abschiednehmens wurde, dann deshalb, weil hier die beiden erkenntniskritischen Bedingungen des Abschieds als Reflexionsfigur des je schon Gewesenen zusammentreffen. Zum einen: das von keiner Geschichtsphilosophie mehr ausbalancierte Bewußtsein eines endgültigen Verschwindens in einem komplexen, nämlich subjektiven und objektiven Sinne. Zum anderen: die eigentümliche Bewandtnis, daß die daraus entstehende Melancholie, verstanden hier als emphatische Figur der Rede, nicht als psychologischer Zustand, zwar kontemplativ, nicht aber mehr lyrisch im traditionellen Sinne ist."

From: Der Abschied: Theorie der Trauer: Baudelaire, Goethe, Nietzsche, Benjamin. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996, p. 45. ©1996, Suhrkamp Verlag.


"Was interessiert Walter Benjamin? Offenbar nicht die individuelle Reflexion der verlorenen Zeit als die subjektive Katastrophe, sondern die Geschichte und die Anteilhabe des menschlichen Bewußtseins daran, ein Interesse, das dem Baudelaires prinzipiell fernsteht. Geschichte haben oder nicht haben - das ist Benjamins Interesse. Die Geschichte selbst gibt es natürlich immer. Aber auf sie vor allem kommt es an als eine zur Verfügung stehende Entität. Das ist das Apriori von Benjamins Denken: Er konzentriert sich auf metaphysische Entitäten, die dem Subjekt vorgeordnet sind."
From: Der Abschied: Theorie der Trauer: Baudelaire, Goethe, Nietzsche, Benjamin. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996, p. 511. ©1996, Suhrkamp Verlag.


4) Secularization/Nihilism

Bohrer photo
"Es gibt eine ästhetische Weltanschauung, die sehr schnell zum Ästhetizismus wird. Aber zunächst ist sie nichts anderes als ein notwendig gewordener Einwand gegen die Struktur der sich fortschreibenden Entwicklung zu einem Telos hin. Die Vorstellung einer sinnvollen Abfolge der Weltgeschichte und des Menschen, so wie die Aufklärung sie gedacht hat, ist natürlich die Säkularisierung eines theologischen Denkens. Das ist, ohne daß dies die Mehrheit der deutschen Intelligenz bemerkt hätte, auf jeder Ebene passť."

From: "Das ist das letzte Gefecht," Die Zeit (March 7, 1997): 52. ©1997, Die Zeit.

"Aber ich glaube, als wir Jungens damals nach 45 die amerikanischen Götter aus dem Meer haben steigen sehen, die Kaugummi lutschten und freundlich waren und diese wunderbare neue Musik spielten, die von den Nazis in der stupidesten Satire verblödelt worden war, 'Heute ist der Negerjazz auf dem Alexanderplats', da haben wir zum ersten Mal einen Schritt in die Säkularisation getan. Das hieß: nicht nur weg von den Göttern des Faschismus, sondern zur Menschlichkeit ohne Gott."
From: "Das ist das letzte Gefecht," Die Zeit (March 7, 1997): 52. ©1997, Die Zeit.


5) Aesthetic Individualism and Political Ideology

"The artist reflects critically on the negativity of this loss [of a receding reality], while the ideologue, who argues from a perspective of a worldview, uses the strategy of compensation. That is, the latter tries to replace the needed but destroyed connections with new, parareligious contents. I can only sketch the process here... The difference between the ideologue and the artist should be emphasized all the more because in their political behavior during the 1920s and 1930s some representatives of the irreal style demonstrated a marked affinity for some of the various ultraconservative or even fascist ideas. We must distinguish between the artist who seeks irrationality and its poetological forms in the sudden moment and the epiphany and the inventor of irrational ideological concepts. This distinction seems obvious and emerges as a pretheoretical certainty from the difference in their language. As we have examined the function of the moment in the work of several modern writers, it has become clearer that it first seemed that the autonomy of a language shaped primarily by aesthetic concerns with respect to the concept of the sudden is different from philosophical attempts seemingly directed toward the same goal -- and this difference is not merely one of method ... We can now see that the literary, aesthetic hypostatization of the moment in the artistic act can be free of a primary ideological load."

From: Suddenness: On the Moment of Aesthetic Appearance. New York: Columbia Press, 1994, p. 61. ©1994, Columbia University Press.


"Ästhetizismus und gesellschaftlicher Eskapismus stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis. Die ästhetische Herausforderung legitimiert sich nicht durch eine Projektion der Zukunft, sondern durch eine rückwärtsgewandte Utopie. Das Motiv der Flucht aus dem Alltag in eine fiktive Zeit wurde als zentrales Motiv in der Kunst und Literatur der Decadence erkannt."
From: Die Ästhetik des Schreckens: Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk. Munich: Hanser, 1978, p. 43. ©1978, Carl Hanser Verlag.


"Offensichtlich entgehen dem engagierten Marxisten Helms gewisse banale Selbstverständlichkeiten, unter anderem diese, daß die von ihm so fanatisch gehütete Lehre bei westeuropäischen Intellektuellen längst kaputtgegangen wäre, hätte es nicht die von ihm verhöhnten 'feinen Geister', 'Bildungsbürger' und 'Individuen' gegeben, die dieser Lehre durch individuelle Interpretation nicht nur wieder aufhalfen, sondern sie plötzlich massenhaft vermittelten. Seine Polemik gegen die subjektivistischen Abweichungen und ihre anarchistischen Begleiterscheinungen...ist ohne historisches Verständnis, bleibt dogmatisch. Daran ändert auch sein begreiflicher Zorn nichts, daß diese Erneuerungsversuche zum Teil Glasperlenspiele und reiner Ästhetizismus waren wie im Falle Enzensberger und anderer Adepten der Kritischen Theorie... Es ist sicher wahr, daß westdeutsche Intellektuelle kein unmittelbares Verständnis für die Arbeiter haben. Es ihnen so vorzuhalten, wie er es tut, erscheint naiv, denn es übersieht die konstitutionelle und psychologische Barriere, die es nicht ironisch zu betonen, sondern als historisch bedingtes Dilemma auszuhalten gilt."
From: Review of Hans G. Helms, Fetisch Revolution: Marxismus und Bundesrepublik in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (9 Dec. 1969). Reprinted in: Ein Bücher Tagebuch-Buchbesprechungen aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1970): 131-32. ©1969-1970, FAZ.


6) Germany

"Kohls Körper ist der Körper der Bundesrepublik."

From: "Physiognomik als Erkenntnis: Zum aktuellen Phänotyp deutscher Politik," Merkur no. 588 (March 1998): p. 259. ©1998, Merkur.


"Das Ja zu Deutschland kam weniger aus Patriotismus als aus meinem Hass auf das DDR-System. Und aus der Hoffnung, die Wiedervereinigung würde deutsche Internationalität und Verantwortungsbewusstsein stärken. Das hat sich nicht erfüllt. Die Entprovinzialisierung hat nicht stattgefunden. Im Gegenteil. Jetzt sollen wir vom Osten lernen. Das höre ich mir mit äusserster Kühle an. Das politische Denken der Bundesrepublik ist in Gefahr, durch Innerlichkeit aufgelöst zu werden."
From: "Wir sind der TUEV fuer aktuelle Theorien. Konservativ, Subversiv, Progressiv: Was wollen die Macher des Intellektuellen-Fachblatts Merkur?" Süddeutsche Zeitung (June 8, 1994). ©1994, Sueddeutscher Verlag GmbH.


"In Bonn regiert nunmehr die erste Generation, von der man politisch einiges erhoffen durfte, weil sie nicht mehr eigentlich durch die Nazizeit politisch und psychologisch geprägt worden ist. Eine Generation-und im Parlament beginnt sie schon vorzuherrschen, die das Produkt einer nachdiktatorisch, freiheitlichen Erziehung und sozialen Erfahrung ist (sieht man von den Abgeordneten der neuen Bundesländer ab). Und was zeigt sich? Ein politischer Körper, wo anstelle notwendiger Organe ein Vakuum zu finden ist."
From: "Provinzialismus (III): Das Vakuum," in: Merkur no. 505 (April 1991): p. 348. ©1991, Merkur.


"Der Reisende erinnerte sich flüchtig sozialkritischer Gemälde und Zeichnungen aus diesem Lande, die kurz nach jenem ersten Krieg des Jahrhunderts entstanden waren und Menschen mit Schweinsgesichtern und Schweinslefzen zeigten. Diese Bilder waren selbst von einer brüllenden Brutalität, so daß sie ihm als tendenziöse mißfallen hatten und er sie deshalb vergaß. Erst diese Tagebuchnotiz brachte ihn jetzt angesichts der entleerten schönen Landschaft auf den Gedanken, daß sich das Geheimnis der verschwundenen 'Einwohner' vielleicht aus ihrer Häßlichkeit erklärte: unterschiedlich häßlich je nach sozialem Stand, wobei er annahm, daß die 'Roheit' der Bauern längst vom Land in die Städte eingezogen war, seit der Jahrzehnte andauernden Landflucht, und die 'Verfettung' des Mittelstandes sich in dem Maße verbreitet haben mußte, als in diesem Land alles Mittelstand geworden war, wie er aus politischen Enqueten wußte."
From: "Die Ästhetik des Staates," in: Nach der Natur: Über Politik und Ästhetik. Munich: Hanser, 1988, p. 10. ©1988, Carl Hanser Verlag.


"Der Zombie, der für alle sichtbar endlich enttarnt wurde, ist der westdeutsche Außenminister. Das erste, was ihn uns verdächtig machte und wovon wir am Anfang sprachen, war der Eindruck, daß er eigentlich nie sagen konnte, warum er etwas mache, sondern immer nur, daß er etwas mache. Dieses als Pragmatismus stilisierte Verhalten ist indes ein Alarmzeichen für die Lebendigen."
From: "Die Unschuld an die Macht! Eine politische Typologie. 2. Folge: Die Zombies," Merkur no. 427 (July 1984): 590. ©1984, Merkur.


"Westdeutschlands Dekadenz-Ferne ist seine neue psychologische Isolation, so 'splendid' sie zur Zeit auch aussehen mag. Es ist eine ironische Tatsache, daß sich der alte, ideologisch längst überholte und von den Deutschen selbst nachdrücklich aufgegebene Dualismus nunmehr auf einer banaleren Ebene wieder eingestellt hat, ausgerechnt dadurch, daß die Westdeutschen ihre einstig idealistisch-weltanschauliche Begrenztheit aufgaben und dem früher als 'westlich' eingestuften Pragmatismus und Materialismus Platz machten, der ihnen einen so privilegierten Platz unter der europäischen Sonne einbrachte. Der alte, metaphysisch begründete Omnipotenzwahn war eine Mischung aus extremer Ideensucht und extremen Erfahrungsmangel, unter der Geister wie Nietzsche und Heine sehr polemisch und sehr deutsch litten. Es war die provinzielle Enge, die russische Revolutionäre direkt nach Paris weiterfahren ließ, als sie es im Berlin des von ihnen bewunderten Hegel nicht mehr aushielten. Es hätte nich des Ersten Weltkriegs bedurft, daß sich außerhalb Deutschlands die Vorstellung vom einsiedlerischen Barbaren, innerhalb Deutschlands die überdimensionierte Trotzreaktion (gegen die ganze Welt) zu entwickeln begann."
From: "Die europäische Dekadenz und Wir: Warum die Westdeutschen nach außen so gesichtslos wirken," in: Ein bißchen Lust am Untergang: Englische Ansichten. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1982, pp. 114-15. ©1982, Suhrkamp Verlag.



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